von Ralf Krä­mer

Das immense Wirt­schafts­wachs­tum der letz­ten 100 Jah­re war mit eben­so immensem Wachs­tum des Res­sour­cen­ver­brauch, der Umwelt­be­las­tun­gen und der Frei­set­zung von Treib­haus­ga­sen ver­bun­den. Es liegt daher nahe, ein Ende des Wirt­schafts­wachs­tums oder sogar eine wirt­schaft­li­che Schrump­fung als unver­zicht­ba­re Bedin­gung für eine Lösung der öko­lo­gi­schen und Kli­ma­kri­se zu betrach­ten, auf Eng­lisch „Degrowth“ also. Das Augen­merk rich­tet sich dabei auf das übli­che Maß des Wirt­schafts­wachs­tums, das Wachs­tum des preis­be­rei­nig­ten Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP). Zumal die­ses von „wirt­schafts­freund­li­chen“ Kräf­ten wie ein Selbst­zweck und als der Indi­ka­tor für Wohl­stand und Fort­schritt behan­delt wird, was es nicht ist.

Doch die Ange­le­gen­heit ist kom­pli­zier­ter. Eben­so wie eine posi­ti­ve führt auch eine nega­ti­ve Fixie­rung auf das BIP-Wachs­tum in die Irre und in unnö­ti­ge Gegen­sät­ze. Denn auch die Gewerk­schaf­ten sind für ein Wachs­tum des BIP und auch die unver­zicht­ba­ren sozia­len Zie­le und For­de­run­gen der LINKEN – gute Arbeit für alle die wol­len, höhe­re Löh­ne, Inves­ti­tio­nen in Bil­dung und Infra­struk­tur, Aus­bau öffent­li­cher und sozia­ler Dienst­leis­tun­gen und höhe­re Ren­ten und Sozi­al­leis­tun­gen – bedeu­ten oder beru­hen auf Wachs­tum des Brut­to­in­lands­pro­dukts.

 

Miss­ver­ständ­nis­se in Bezug auf das Wirt­schafts­wachs­tum

Wirt­schafts­wachs­tum über­set­zen sich vie­le mit immer mehr Autos und ande­ren Pro­duk­ten, immer mehr Ver­brauch von Ener­gie und Res­sour­cen, immer mehr Emis­sio­nen und Müll und Flä­chen­ver­brauch. Es ist klar: auf unse­rer end­li­chen Erde kann ein sol­ches Wachs­tum nicht unend­lich wei­ter­ge­hen, schon das gegen­wär­ti­ge Niveau über­schrei­tet die Gren­zen des nach­hal­tig Trag­ba­ren. Aller­dings ist das BIP über­haupt kein Maß für die­se stoff­li­che Sei­te des Wirt­schafts­pro­zes­ses, son­dern ein Maß für die Wert­schöp­fung, und das ist eine rein gesell­schaft­li­che Grö­ße.

Genau­er gesagt: Das BIP ist eine Geld­grö­ße. Es misst die Wert­schöp­fung, die Sum­me der in einem Jahr pro­du­zier­ten Ein­kom­men ein­schließ­lich des Anteils, der für die Erhal­tung der bestehen­den Bau­ten und Aus­rüs­tun­gen not­wen­dig ist. BIP-Wachs­tum bedeu­tet höhe­re Ein­kom­men durch mehr oder pro­duk­ti­ve­re Erwerbs­ar­beit, nicht unbe­dingt mehr Pro­duk­ti­on mate­ri­el­ler Güter, mehr Stoff­wech­sel mit der Natur, mehr Ener­gie­ein­satz oder höhe­re Umwelt­be­las­tung. Es kann auch höher­wer­ti­ge Pro­duk­te und mehr Dienst­leis­tun­gen bei gleich­zei­tig sin­ken­der Bean­spru­chung der Natur bedeu­ten. Schrump­fung des BIP bedeu­tet dage­gen auf jeden Fall sin­ken­de Ein­kom­men sowohl der Unter­neh­men wie der Beschäf­tig­ten und der von Sozi­al­leis­tun­gen abhän­gi­gen. Im Kapi­ta­lis­mus bedeu­tet es Kri­se und stei­gen­de Arbeits­lo­sig­keit. Eine öko­lo­gi­sche Poli­tik wird dadurch nicht erleich­tert, son­dern erschwert.[1]

Wich­tig ist auch: Das BIP oder die Ori­en­tie­rung der Wirt­schafts­po­li­tik auf das BIP ist nicht die Ursa­che des öko­lo­gisch rück­sichts­lo­sen kapi­ta­lis­ti­schen Wachs­tums. Son­dern die­ses resul­tiert aus den inne­ren Gesetz­mä­ßig­kei­ten der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se selbst und wird mit dem BIP ledig­lich sta­tis­tisch gemes­sen. Ande­re Mess­grö­ßen und Nach­hal­tig­keits­in­di­ka­to­ren gibt es und sie stär­ker zu beach­ten ist wich­tig, löst aber das Pro­blem nicht.

 

Wie weit ist eine Ent­kopp­lung mög­lich?

Das Pro­blem ist: Bis­her besteht ein kla­rer posi­ti­ver Zusam­men­hang zwi­schen der Höhe und dem Wachs­tum des BIP einer­seits und den stoff­li­chen und ener­ge­ti­schen Umsät­zen der Gesell­schaft. Es gibt nur eine rela­ti­ve Ent­kopp­lung: die Effi­zi­enz der Res­sour­cen­nut­zung und der Schad­stoff­ver­mei­dung steigt und ist in den rei­che­ren Län­dern erheb­lich höher als in ärme­ren. Doch die Stei­ge­rung der Mas­se der pro­du­zier­ten und kon­su­mier­ten Güter frisst die­se Fort­schrit­te weit­ge­hend wie­der auf (Rebound-Effekt). Zu abso­lut sin­ken­den Umwelt­be­an­spru­chun­gen kommt es daher zumeist nur, wenn das BIP-Wachs­tum gering ist.

Ande­rer­seits gilt aber auch: Null­wachs­tum oder auch eine gewis­se Schrump­fung des BIP wür­de öko­lo­gisch wenig brin­gen. Es wür­de nur bedeu­ten, dass die lau­fen­de Über­be­an­spru­chung der Natur im glei­chen oder wenig gerin­ge­ren Umfang fort­ge­setzt wird. Not­wen­dig ist aber eine mas­si­ve Redu­zie­rung. Die Emis­si­on von Treib­haus­ga­sen muss sogar welt­weit auf nahe Null redu­ziert wer­den. Dies wird sicher nicht dadurch erreicht wer­den kön­nen, dass das BIP, also die wirt­schaft­li­che Akti­vi­tät und die Ein­kom­men auf nahe Null redu­ziert wer­den, denn das wür­de den tota­len wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruch und die Aus­lö­schung gro­ßer Teil der Bevöl­ke­rung bedeu­ten. Und selbst das wür­de nicht rei­chen, denn auch Tätig­kei­ten außer­halb der Erwerbs­ar­beit und der for­mel­len Öko­no­mie, sind mit Res­sour­cen­ver­brauch und Umwelt­be­las­tun­gen ver­bun­den. Ein Drit­tel des Pri­mär­ener­gie­ver­brauchs in Deutsch­land geht auf das Kon­to der pri­va­ten Haus­hal­te.

Not­wen­dig ist etwas ande­res, näm­lich ein grund­le­gen­der und mög­lichst rascher öko­lo­gi­scher Umbau der gesam­ten Pro­duk­ti­ons- und Lebens­wei­se. Es geht um ande­re Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se und Pro­duk­te, die weit­ge­hend auf rege­ne­ra­ti­ven Roh­stof­fen beru­hen und anschlie­ßend recy­celt wer­den kön­nen. Es geht um Schrump­fung umwelt­be­las­ten­der Indus­tri­en und Akti­vi­tä­ten (etwa Mili­tär) und statt­des­sen Wachs­tum öko­lo­gisch ver­träg­li­cher und gesell­schaft­lich sinn­vol­ler Dienst­leis­tun­gen. Und vor allem geht es um den voll­stän­di­gen Umstieg auf rege­ne­ra­ti­ve Ener­gi­en statt Ver­bren­nung fos­si­ler Ener­gie­trä­ger. Damit wür­de aber zugleich die Pro­duk­ti­on von Ein­kom­men und damit das BIP voll­stän­dig von der Frei­set­zung von Treib­haus­ga­sen und zuneh­mend auch vom Ver­brauch nicht rege­ne­ra­ti­ver Res­sour­cen ent­kop­pelt. Das ist der ein­zi­ge Weg zur Ret­tung der Natur und der Men­schen.

 

Ein sozi­al-öko­lo­gi­sches Zukunfts­pro­gramm

Die­ser not­wen­di­ge Umbau erfor­dert in den kom­men­den Jah­ren und Jahr­zehn­ten gro­ße In-ves­ti­tio­nen in das Ener­gie­sys­tem, den Umbau der Indus­trie und den Auf­bau einer Kreis­lauf-wirt­schaft, den Aus­bau der öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel, die ener­ge­ti­sche Sanie­rung der Ge-bäu­de. Öko­lo­gi­sche Lebens­mit­tel und lang­le­bi­ge und repa­ra­tur­freund­li­che Güter sind teu­rer. Bil­dung, Gesund­heits- und ande­re sozia­len Dienst­leis­tun­gen müs­sen stark aus­ge­baut wer­den. Das alles bedeu­tet mas­sen­wei­se zusätz­li­che sinn­vol­le Arbeits­plät­ze und Wert­schöp­fung und damit Ein­kom­men und Bei­trä­ge zum BIP, also Wirt­schafts­wachs­tum. Erst recht gilt dies für die weni­ger ent­wi­ckel­ten ärme­ren Län­der der Erde. Zugleich müs­sen gerech­te­re Ver­tei-lungs­ver­hält­nis­se durch­ge­setzt und beson­ders umwelt­be­las­ten­der Luxus­kon­sum been­det wer­den. Län­ger­fris­tig kann dann auf die­ser Basis die fort­schrei­ten­de Ver­kür­zung der Arbeits-zeit und mehr Muße, Bil­dung und Kul­tur die haupt­säch­li­che Form des gesell­schaft­li­chen Fort­schritts wer­den.

Die Auf­ga­be und Chan­ce der Lin­ken besteht dar­in, eine sol­che Per­spek­ti­ve auf­zu­zei­gen und durch­zu­set­zen, die sozia­len und öko­lo­gi­schen Umbau ver­bin­det. Aus wirt­schaft­li­chen, sozia­len und poli­ti­schen Grün­den führt kein Weg dar­an vor­bei, den not­wen­di­gen Umbau so zu gestal­ten, dass die Ein­kom­men und Lebens­be­din­gun­gen der Mehr­heit der Men­schen dabei nicht ver­schlech­tert, son­dern ver­bes­sert wer­den. Nur mit einem gerech­ten Über­gang wer-den die Lohn­ab­hän­gi­gen in ihrer Mehr­heit gewon­nen wer­den kön­nen, den Umbau mit­zu­tra­gen. Ein sozi­al-öko­lo­gi­scher Umbau kann und muss des­halb mit einer beschäf­ti­gungs­ori­en­tier­ten Wirtschafts‑, Sozi­al- und Finanz­po­li­tik ver­bun­den wer­den, die neue Per­spek­ti­ven für die Men­schen und Regio­nen schafft.

Die not­wen­di­ge sozi­al-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on ist kei­ne nur umwelt­po­li­ti­sche Her­aus-for­de­rung, son­dern vor allem eine gesell­schafts­po­li­ti­sche Macht­fra­ge. Zen­tral ist die Her­stel­lung eines Bünd­nis­ses zwi­schen Gewerk­schaf­ten, Umwelt- bzw. Kli­ma­be­we­gung und lin­ken poli­ti­schen Kräf­ten für einen sozi­al-öko­lo­gi­schen Umbau. Eine undif­fe­ren­zier­te Ableh­nung von Wachs­tum des BIP oder gar das Set­zen auf schrump­fen­de Ein­kom­men wäre in der Sache irre­füh­rend, weil es die öko­no­mi­schen Spiel­räu­me für Umbau ver­rin­gern wür­de. Und es wür­de spal­ten, statt not­wen­di­ge Bünd­nis­se zu bil­den, und damit die Durch­set­zungs­chan­cen sozi­al-öko­lo­gi­schen Umbaus schwä­chen, statt sie zu stär­ken.

 

[1] Mehr dazu: https://wipo.verdi.de/++file++53428c21aa698e62b20000ef/download/Wirtschaftspolitische-Informationen‑2–2011.pdf